GAMBIA: Tormenta Jobarteh im Interview – Teil 2


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Bild / Picture „African festival in Austria 2018“ thanks to © Christina Karagiannis (Greece & Austria)

 
 

Interview Teil 1 findest du unter: GAMBIA: Tormenta Jobarteh im Interview – Teil 1

 
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GAMBIA: Tormenta Jobarteh im Interview – Teil 2

 
 

Von Çiğdem Gül 

05. Juli 2019 

 
 

Çiğdem Gül: Im westafrikanischen Land Gambia war Yahya Jammeh von 1996 bis Mitte Januar 2017 Staatspräsident. In seiner 22-jährigen Diktatur warst du auch als Opfer betroffen. Kannst Du uns bitte mehr darüber erzählen?

Tormenta Jobarteh: Der Diktator Yahya Jammeh hat über 20 Jahre das Land Gambia terrorisiert. Unter diesem Regime wurden viele Menschen zum Opfer. Journalisten, die sich trauten, die regime-konträren und wahren Geschehnisse zu verfassen und zu veröffentlichen, wurden in Gefängnissen eingesperrt oder getötet. Politische Gefangene verurteilte der Diktator Yahya Jammeh gnadenlos zum Tod. Mein Haus, das ich über einen Zeitraum von 6 (!) Jahren selbst gebaut hatte, wurde mir weggenommen. Der Diktator hatte sich das Landstück für sich selbst ausgesucht und eine Nachricht am Haus hinterlassen, dass ich binnen drei Tagen ausgezogen sein muss, da der ganze Landstrich nun für den Präsidenten reserviert sei. Drei Tage später waren die Bulldozer gekommen und hatten alles zerstört.

Das war einer der großen Katastrophen in meinem Leben.

Ein Jahr später wurde er unter dem Druck der afrikanischen UN abgewählt und musste Gambia verlassen. Für mich leider ein Jahr zu spät.

 

Çiğdem Gül: Das ist ja h_e_f_t_i_g !!!

Das muss eine sehr schwere Zeit für dich gewesen sein. 

Umso mehr freue ich mich, dass du diese schreckliche Zeit – auch mit der Unterstützung deiner großen Familie in Gambia – überwunden hast und heute wieder strahlen kannst. 

Darf ich fragen, wie es zu der Gründung deiner Band „Jobarteh Kunda“ kam?

Im Jahr 1995 wurden wir von italienischen Touristen eingeladen, in Italien eine kleine Tour zu spielen. Als wir nach Deutschland kamen, hatten wir Musiker aus der Karibik und Guinea kennengelernt, und es hatte einfach zu der Zeit alles gepasst, und die Band `Jobarteh Kunda´ wurde 1995 geboren. Sehr schnell wurden wir eine Einheit und hatten unseren ersten Plattenvertrag bekommen und unsere erste CD Abaraka aufgenommen. Zur gleichen Zeit fing ich auch an, meine Kinderprogramme mit Geschichten erzählen und Musik in den Schulen aufzubauen.

Nun 25 Jahre später blicke ich zurück und bin sehr glücklich, eine tolle Karriere bis heute gehabt zu haben. Bisher habe ich 10 Records aufgenommen und ein Buch veröffentlicht. Mit Ausnahme von Australien, hatte ich auf allen Kontinenten auf Konzerten gespielt. Highlights waren auch u. a mit Miriam Makeba und vielen andern berühmten Musikern die Bühne geteilt zu haben. Auch einige Auszeichnungen haben mir geschmeichelt. Die Liste der Erlebnisse ist zu lang, um alles aufzuführen…  und ich bin sehr dankbar für alles Erlebte. Im Moment sind wir wieder unterwegs, um unsere Neue CD Teriya (Freundschaft) zu promoten.

 

Çiğdem Gül: Ich lebe seit meiner Kindheit als Migrantin mit muslimischem Hintergrund in einem mehrheitlich christlichen Deutschland. Tormenta, du hast als Christ 25 Jahre lang in einem afrikanisch-muslimischen Land Gambia gelebt. Also die umgekehrte Situation. Integrationsdebatten bei afrikanischen Ureinwohnern, die dich adoptiert haben, spielten sicherlich keine Rolle. Umso besser muss es gewesen sein – so stelle ich mir das gerade vor -, wenn ohne Tamtam, ohne große Diskussionen und ohne Vorurteile die gelingende Integration einfach nur geschieht, weil beide Seiten sich als Mensch begegnen. Also „Von Fremdenfeindlichkeit keine Spur“, sagtest Du einmal. Erzähle uns bitte von deiner Integration und vom Verständnis über Integration der gambianischen Ureinwohner.

Tormenta Jobarteh: Die Menschen in Gambia sind sehr offen für alle, die in Ihr Land kommen. Um sich zu integrieren, muss man auf die Menschen zugehen. Und wenn man das mit dem Herzen macht, nehmen einen die Menschen in Gambia gerne auf, weil dort die Gastfreundschaft wie in vielen muslimischen Ländern sehr wichtig ist. Ich persönlich habe in Gambia nie Fremdenfeindlichkeit erlebt. Die Menschen sind mir immer offen begegnet und haben mich mit Respekt behandelt. 

Ich fühle mich in erster Linie als Griot, der einer afrikanischen Tradition angehört. Ich bin sozusagen ein bayerischer Afrikaner. 🙂 In meiner Karriere habe ich gelernt, meinen eigenen Weg zu gehen, egal wie andere mich sehen oder mich sehen wollen. Ich bin der, der ich bin.

 
 
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Bild / Picture „African festival in Austria 2018“ thanks to © Christina Karagiannis (Greece & Austria)

Humphrey Cairo (Aruba/Germany), Mitglied der Band „Jobarteh Kunda“

 
 

Storytelling, Afrobeat, Jazz, Reggae und Latin: Eine musikalische Reise afrikanischer und karibischer Musik, die die Seele berührt.

 
 

Çiğdem Gül: In der orientalischen – und vor allem in der türkischen – Welt ist Nasreddin Hodscha mit seinen Geschichten eine prägende historische Figur.

(Zitat Wikipedia: Nasreddin Hodscha ist der Name des prominentesten Protagonisten humoristischer prosaischer Geschichten im gesamten türkisch-islamisch beeinflussten Raum vom Balkan bis zu den Turkvölkern Zentralasiens. Seine historische Existenz ist nicht gesichert; es wird angenommen, dass er im 13./14. Jahrhundert in Akşehir im südwestlichen Antolien gelebt hat)

Über einen Satz von dir denke ich seit längerem nach: Du hattest mir vor einigen Monaten erzählt, dass die Geschichten von Nasreddin Hodscha in weiten Teilen Afrikas bekannt sind. Wooow!!! Das ist ja unglaublich! Wie kommen die Afrikaner auf die Geschichten von Nasreddin Hoca?

Tormenta Jobarteh: Obwohl nicht in allen Teilen Afrikas die Geschichten von Nasreddin Hoca bekannt sind wie im Orient, lieben die Afrikaner diese Geschichten. Als Erzählkünstler habe ich in Gambia vor meinem jeweiligen Publikum schon unzählige Male die Geschichten von Nasreddin Hodscha erzählt und erhielt begeisterte Rückmeldungen. In Afrika gibt es ursprünglich ähnliche Weisheitsgeschichten, wie z. B. die Spinne Anansi, die ursprünglich aus Ghana kommt.

 

Çiğdem Gül: Da wir bei unserem Gespräch schon mal in der türkischen Welt angekommen sind, möchte auf mein nächstes Thema und Frage kommen:

Orhan Veli Kanık gehört zu den bekanntesten Dichtern in der Türkei. Er schrieb unter anderem ein Gedicht über das schöne Wetter und verbindet darin seine Leidenschaft zu Natur mit seiner Leidenschaft zum Leben. Die deutsche Übersetzung stammt von Yüksel Pazarkaya. 

 

Schönes Wetter

Mich hat dieses schöne Wetter verdorben.
Bei so einem Wetter
Gab ich mein Amt bei der Wohlfahrt auf,
Das Rauchen gewöhnte ich mir bei so einem Wetter an,
Bei so einem Wetter verliebte ich mich.
Brot und Salz nach Hause zu bringen
Vergaß ich bei so einem Wetter,
Und meine Krankheit zu dichten
Kam immer bei so einem Wetter.
Mich hat dieses schöne Wetter verdorben.

 

Beni bu güzel havalar mahvetti

Beni bu güzel havalar mahvetti,
Böyle havada istifa ettim
Evkaftaki memuriyetimden.
Tütüne böyle havada alıştım,
Böyle havada aşık oldum;
Eve ekmekle tuz götürmeyi
Böyle havalarda unuttum;
Şiir yazma hastalığım
Hep böyle havalarda nüksetti;
Beni bu güzel havalar mahvetti.

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Orhan Veli Kanık

 

Ich möchte dir sagen, warum ich jetzt auf das Gedicht von Orhan Veli Kanık komme. Wir, also viele türkische Migranten in Deutschland, kokettieren und klagen uns über das schlechte Wetter in yavrum Deutschland. Sobald wir ein Fuß in die Türkei setzen, vermissen wir sogar den ungeliebten oder verhassten Regen in Deutschland. In Gambia wiederum gibt es nicht nur den normalen Regen, sondern eine ausgeprägte Regenzeit und Trockenzeit. Das Klima dort ist tropisch. Wie wirkt das Wetter in Gambia auf deine Seele und auf deine Kreativität als Künstler aus?

Tormenta Jobarteh: Ich bin ein Sonnenmensch und das Wetter in Afrika ist genau meins. Ich habe eher Probleme mit dem schlechten Wetter und dem langen Winter in Deutschland. Immer, wenn die Sonne scheint, fühle ich mich gut.

 

Çiğdem Gül: Deine bayerische und afrikanische Kultur hattest du einige Jahre mit spanischer Liebe zelebriert. In meinen Augen hattest du damals mit dieser Kombination bereits den kulturellen Nirvana- Vielfalt erreicht.

Tormenta Jobarteh: Ja, meine erste längere Beziehung war mit einer Frau aus Las Palmas/Spanien. Ich bin nun seit 25 Jahren mit meiner jetzigen Ehefrau Lia zusammen, und wir haben zwei Kinder gemeinsam großgezogen. Meine Tochter Yasmin ist auch Musikerin und Tänzerin. Sie ist Mitglied in meiner Band „Jobarteh Kunda“. Mein Sohn ist ein erfolgreicher Patissier. Seit zwei Jahren bin ich nun auch Großvater, was mich sehr glücklich macht. Der Kreislauf des Lebens schließt sich bei mir.

Alle Kulturen, die ich bisher näher kennenlernen durfte, haben mein Leben bereichert.

 
 
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Hochzeitsbild: Tormenta Jobarteh mit Ehefrau Lia  / Wedding photo: Tormenta Jobarteh with his wife Lia 

Picture thanks to © Tormenta Jobarteh (Germany & Gambia) 

 
 

Çiğdem Gül: Meine Cousine heiratete einen Mann mit schwarzafrikanischen Wurzeln. Für mich stellt sich eine bilinguale Beziehung und Ehe – auch diese Konstellation – kein großes Problem dar, jedoch glaube ich, dass für meine Elterngeneration die Differenz zwischen der türkischen und afrikanischen Kultur sehr groß gewesen sein muss. Rückblickend betrachtet: Nicht einmal die Gemeinsamkeit von Nasreddin Hodschas Geschichten konnten diese Ehe mit Kind retten. Beide sind mittlerweile geschieden. Ich möchte dich fragen, welche Gemeinsamkeiten oder Unterschiede bei einer Beziehungskonstellation zwischen einer bayerischen und afrikanischen, z. B. gambianischen Partner gibt.

Tormenta Jobarteh: Ich denke, es ist immer schwer, wenn zwei verschiedene Kulturen sich verheiraten. Aber es hängt natürlich von der Offenheit und vom Bewusstsein des jeweiligen Partners ab. Ohne Respekt, Liebe und Offenheit für das andere kann es halt auch nicht funktionieren.

 
 
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Bild / Picture „African festival in Austria 2018“ thanks to © Christina Karagiannis (Greece & Austria)

Band „Jobarteh Kunda“: Yasmin Jobarteh, Tormenta Jobarteh, Humphry Cairo & Felix Occhionero

 

Çiğdem Gül: Was bedeutet Kunst, Erzählkunst, Kultur und Musik für dich? Welchen Stellenwert hat Kunst und Kultur in Afrika?

Tormenta Jobarteh: Für mich persönlich machen die `Griots´ in erster Linie die Kunst und die Musik aus, die die afrikanische Kunst am Leben erhalten. In Afrika begleiten die Kunst und der Tanz in all´ ihren Facetten und Ritualen das gesamte Leben der Menschen.

 

Çiğdem Gül: Wann bist du nach Deutschland zurückgekehrt?
Was hat sich nach Deiner Rückkehr nach Deutschland für Dich innerlich und äußerlich verändert?

Tormenta Jobarteh: Meine eigentliche Rückkehr nach Deutschland fand im Jahr 1995 statt. In der Zeit  lernte ich auch meine Frau kennen. Seitdem lebe ich in beiden Welten, in Deutschland und in Gambia, die mir beide sehr vertraut sind.

Im Leben bleibt nichts wie es ist. Und so unterliegt alles immer einer ständigen Veränderung. die ich persönlich als sehr spannend empfinde.

 

Çiğdem Gül: Lieber Tormenta, schön, dass du derzeit wieder in Deutschland bist und wir dieses Gespräch führen konnten. Herzlichen Dank!

 
 
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© Çiğdem Gül

Gründerin & Moderatorin
des Interkulturellen Netzwerkes für Hochbegabte

Diplom-Ökonomin

Change Management Consultant

Business Coach

Interkultureller Coach für Hochbegabte & Hochsensible

Online Marketing Managerin

Freie Journalistin

 
 

Tormenta Jobarteh

Webseite: www.jobarteh-kunda.de

Facebook: https://www.facebook.com/tormenta.jobarteh

 
 

Siehe: YouTube- Kanal: Jobarteh Kunda

Siehe bei YouTube die Videos zu dem Band „Jobateh Kunda“, z. B. den Song „Ka Seri“.