PAKISTAN: Khalida Brohi: International bekannte Menschenrechtsaktivistin für Frauen in Pakistan & Unternehmerin in den USA im Interview


Im Rahmen des Schwerpunktthemas 2019 „Humanismus 4.0“ auf Europas größtem Messe-Kongress für Frauen und Karriere „woman&work“ hielt ich, Çiğdem Gül, meinen 30-minütigen Vortrag „Ethics for She-Conomy: Erfolgsstrategien aus den Entwicklungsländern“ am 04. Mai 2019 in Frankfurt/Deutschland. Bei meinem Vortrag stellte ich  – basierend auf eigene Interviews – bekannte und erfolgreiche Frauen in Lateinamerika und Asien vor,  darunter auch die 30-jährige Frau Khalida Brohi. Heute möchte ich euch mein Interview mit Frau Khalida Brohi vom 18.02.2019 vorstellen, das ich ins Deutsche übersetzt habe. Um mein folgendes Interview abzurunden und die Rahmenbedingungen in Pakistan, folglich auch die entsprechende Gewichtung in den jeweiligen Antworten von Frau Khalida Brohi zu verdeutlichen, möchte ich einpaar wichtige Hintergrundinformationen geben.

Khalida Brohis Eltern wurden als Kind in Pakistan zwangsverheiratet. Damals war ihre Mutter gerade mal neun (!) Jahre alt, und Ihr Vater 13 (!) Jahre alt. Zwei Jahre später wurde Khalida Brohi als zweitälteste Tochter in einem ländlichen Dorf in Belutschistan/Pakistan geboren. Sie war das erste Mädchen in ihrem Dorf, das eine Schule besuchen durfte. Ebenso war sie war das erste Mädchen ihres indigenen Stammes, das eine Schulbildung genießen durfte. Khalida Brohi wollte Ärztin werden, die erste Ärztin ihres indigenen Stammes. Leider musste sie diesen Traum verwerfen, als sie erfuhr, dass sowohl ihre gute Freundin als auch ihre Cousine im Namen der männlichen Ehre getötet wurden, weil sie sich in einen Jungen verliebt hatten, mit dem sie nicht verlobt waren. Khalida Brohi war 16 Jahre alt, als sie die Schule schmiss und beschloss, sich gegen Ehrenmorde, für Rechte und Bildung für Mädchen und Frauen einzusetzen. Ihr erstes Engagement war, dass sie selbstgeschriebene Gedichte zu diesen Themen  schrieb und diese jederzeit und überall anderen Menschen vorlas. Später zog Khalida Brohi mit ihrer Familie in eine Slum-Gemeinde um, dann in eine größere Stadt.

Nachdem ihr Vater einen PC anschaffte, fand Khalida Brohi damit einen besseren Weg, die Reichweite für ihre Engagements zu erhöhen. Als einer von acht Kindern der Familie konnte sie zwar den Computer nur wenige Minuten pro Tag benutzen, aber dies eröffnete ihr eine neue Welt. Mit Facebook organisierte Khalida Brohi WAKE UP-Kundgebungen, um die pakistanische Regierung dazu zu drängen, Gesetzeslücken zu schließen. Im Jahr 2008 schloss sie sich nämlich WAKE UP an, einer internationalen Organisation, die ausgerichtet ist auf die Beendigung von Ehrenmorden und häuslicher Gewalt. Sie erreichte damit Befürworter und Anhänger in Großbritannien, den USA und Australien. Khalida Brohi gründete das Programm Youth and Gender Development (YGDP), um alle betroffene Frauen zu erreichen. Die damals 18-jährige und ihren indigenen Wurzeln treue Khalida Brohi erklärte jedoch ihre Kampagne, Engagements und Bemühungen sehr bald als gescheitert, weil sie feststellte, dass die Menschen in der indigenen Gemeinde in Belutschistan/Pakistan und in anderen Dörfern Pakistans in ihren jahrhundertealte Sitten und Grundwerten sich beleidigt und verletzt fühlten. Die erst 18-jährige Khalida Brohi begriff, dass sie eine Lösung finden musste, die für beide Seiten eine win-win Situation darstellte. Sowohl für die Menschen in Pakistan, die unreflektiert Ehrenmorde ausübten als auch für die Mädchen und Frauen in diesem Land. Khalida Brohi und das Team entschuldigten sich – zunächst bei ihrem eigenen indigenen Stamm, vor allem bei den Älteren, – dann bei anderen Menschen in Pakistan, dass sie sie mit ihren Kampagnen und Bemühungen gegen Ehrenmorde verletzt hatten. Was neu ist, war, dass Khalida Brohi und das Team nun sich mit allen Beteiligten zusammensetzte. Sie erklärten wie wertvoll die Sitten, Traditionen und gesellschaftliche Normen für sie sind. Sie betonten aber, dass sie nur bestimmte Aspekte aus den Sitten, Traditionen und gesellschaftlichen Normen kritisieren und diese abschaffen möchten: Die Ehrenmorde, die Zwangsverheiratungen und die nicht geförderte Schul-)Bildung bei Mädchen und Frauen. Khalida Brohi erklärte ihnen, warum z. B. Ehrenmord so schlimm und menschenrechtsverletztend – vor allem für Mädchen und Frauen – ist. Sie erzählte ihnen, dass die Ehre nicht über Mädchen und Frauen definiert werden sollte. 

Khalida Brohi hielt einen inspirierenden Vortrag bei den sehr angesehenen Ted Talks, einer Organisation in den USA, die Vorträge von Personen veranstaltet, die in der Welt Positives tun. Personen wie Bill Gates, Präsidenten aus der ganzen Welt, sowie großartige Forscher aller Forschungsbereiche waren anwesend.

Khalida Brohi erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u. a. wurde sie zweimal bei Forbes ’30 Under 30″ für soziales Unternehmertum ernannt.

 

Herzlichst

Çiğdem Gül – 20. Juni 2019

 
 
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Bild/ Picture thanks to © 2019 Khalida Brohi (Pakistan & USA)

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PAKISTAN

Khalida Brohi:
International bekannte Menschenrechtsaktivistin für Frauen in Pakistan und Unternehmerin in den USA im Interview

 

Das Interview führte Çiğdem Gül

18. Februar 2019

 

INTERVIEW

 

Çiğdem Gül: Frau Brohi, es freut mich sehr, dass Sie bereit waren, sich von mir für meinen Vortrag über sehr bekannte und erfolgreiche Frauen in Asien und Lateinamerika auf Europas größtem Messe-Kongress für Frauen und Karriere „women&work“ und für unser Interkulturelles Netzwerk für Hochbegabte interviewen zu lassen.

Sie sind eine sehr bekannte Menschenrechtlerin für Frauen in Pakistan und erfolgreiche Unternehmerin, die in den USA lebt und arbeitet.

Zunächst möchte ich Sie ganz herzlich zu Ihrem neuen Buch `I should have honor´ gratulieren. Ich bin ein großer Fan von Ihnen und Ihrer Organisation. Sie sind eine sehr inspirierende, starke Frau und eine große Bereicherung für Pakistan und für die ganze Welt.

Khalida Brohi: Es ist äußerst verwirrend, von einer Welt in eine andere zu wechseln, was ich regelmäßig tue. Mein Leben, in dem ich meine Sozialunternehmen (The Chai Spot) in den Vereinigten Staaten führe, und mein Leben, in dem ich meine gemeinnützige Sughar Foundation führe und zu meinen Geschwistern nach Hause gehe, sind sehr unterschiedlich. Meine Cousins ​​und Cousinen leben immer noch in den wunderschönen Bergen von Belutschistan und die Menschen, die ich als meine eigenen bezeichne, leben inmitten der Stammeslebensweisen, während ich mich an einem Ort niedergelassen habe, an dem Menschen allein leben und die Freiheit geschätzt wird. Was mir jedoch bei der Vereinfachung dieses Gleichgewichts sehr geholfen hat, sind die Erfahrungen meiner Kindheit. Mein ganzes Leben lang habe ich viele Welten durchquert, um dorthin zu gelangen, wo ich heute bin. Als mein Vater beschloss, unser Dorf zu verlassen, um uns ein Leben ohne Stammesbeschränkungen zu ermöglichen, konnte er es sich nicht leisten, in der Stadt zu leben, und so wuchsen wir in einer Slumgemeinschaft auf. Der Übergang zwischen dem Leben in den Stammesbergen Belutschistans und der Slumgemeinschaft in Sindh war außerordentlich groß. Trotz der Armut war mein Leben in Belutschistan geprägt von Traditionen, indigener Weisheit und einer anderen Lebensweise als in den Slums, in denen ich jeden Tag Menschen sah, die von Armut und Kriminalität heimgesucht wurden. Dann, als wir es uns endlich leisten konnten, zog mein Vater uns in eine kleine Stadt, in der wir das Leben der unteren Mittelklasse kennen lernten. Als ich ein Teenager war, zogen wir nach Karachi, der größten Stadt Pakistans. Diese Stadt war anders als alles, was ich jemals gesehen hatte, und als ich mich in nur wenigen Jahren auf den Weg zur Bekämpfung von Ehrenmorden an Frauen machte, bewegte ich mich zwischen den Welten der Elite von Pakistanern, Politikern, internationalen Aktivisten und Unternehmern. All dies bereitete mich auf ein Leben vor, in dem ich in zwei extrem unterschiedlichen Welten aufblühe und mich anmutig zwischen ihnen bewege.

 

„Mein ganzes Leben lang habe ich ständig viele Welten durchquert, um dorthin zu gelangen, wo ich heute bin. Trotz der Armut war mein Leben in Belutschistan geprägt von Traditionen, indigener Weisheit und einer anderen Lebensweise als in den Slums. […] und als ich mich in nur wenigen Jahren auf dem Weg zur Bekämpfung von Ehrenmorden an Frauen machte, bewegte ich mich zwischen den Welten der Elite von Pakistanern, Politikern, internationalen Aktivisten und Unternehmern.“

 

Çiğdem Gül: Sie gehören der Volksgruppe Brahui an, einem indigenen Stamm in Belutschistan/Pakistan. Meines Wissens fühlen sich die Indigene für die Heilung und Nachhaltigkeit der Erde verantwortlich. Ist es in Ihrem Stamm auch so? Wenn ja, wirkt sich diese Haltung Ihrer indigener Herkunft auf die Arbeitswelt der Frauen aus? Wird im Erfolgsfall auf Nachhaltigkeit geachtet? Welche Zukunftsperspektiven und Erfolgsstrategien haben Sie als pakistanische Indigene für Frauen in Europa und den USA?

Khalida Brohi: Ja, ich bin mit dem Glauben aufgewachsen, dass unsere Verbindung zu dieser Erde kostbar ist und wir sie wie eine Schuld behandeln sollten. Wir haben die Erde, das Essen, das Wasser und sogar den Himmel geliehen, unter dem wir schlafen. Aus diesem Grund habe ich schon in jungen Jahren, obwohl ich in extremer Armut lebte, die Bedeutung des Dienstes verstanden und geglaubt, dass alles, was mir gegeben wurde, in Form eines Dienstes an den Menschen und der Erde zurückgegeben werden muss. Unsere indigene Kultur ist stark auf Verwandtschaft, Gastfreundschaft und Freundlichkeit ausgerichtet. Dieser Glaube und diese Erziehung wurden zu einem großen Teil meines Erfolgs als Unternehmerin, bei dem ich mich darauf konzentrierte, wirtschaftliche Chancen für Frauen und Jugendliche zu schaffen, und dies nachhaltig zu tun.

 

Çiğdem Gül: Nach meinem Wissen arbeiten Frauen in Pakistan in der analogen Arbeitswelt. Was können Frauen, die in einer westlichen und digitalisierten Welt leben, bessere Arbeitsbedingungen durch Technik haben, viel flexibler in ihrer Arbeitswelt sind und sogar beruflich die Karriereleiter aufsteigen können, von pakistanischen Frauen lernen?

Khalida Brohi: Einer der inspirierendsten Fakten über weibliche Führungskräfte in Pakistan ist, dass sie zur Erreichung ihrer Ziele um ein Zehnfaches mehr arbeiten. Es gibt nicht nur gesellschaftlichen Druck und Hindernisse, sondern auch wirtschaftliche Probleme, die für sie zur Hürde werden. Ich erinnere mich, als ich versuchte meinen gemeinnützigen Verein zu gründen, war jeder einzelne Tag eine Herausforderung. In unserem bescheidenen Zuhause gibt es keinen Strom, damit ich meine Kleidung für meine Besprechungen bügeln konnte,… ich wurde von männlichen Bürokraten nicht „gehört“,… oder wenn ich bei Einladungen zu einer großen Konferenz auf Busse warten musste, oder beim Starten neuer Projekte Drohungen von Stammesmännern erhielt. Jeder einzelne Schritt ist für Frauen in meinem Land schwieriger, aber sie sind hartnäckig, und daher ist in meinen Augen sogar ihre Anstrengung für den kleinsten Erfolg sogar ein großer Erfolg. Ich bin der festen Überzeugung, dass Frauen auf der ganzen Welt, wenn sie zusammenarbeiten, sehr viel mehr erreichen können.

 
 
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Bild/ Picture – Hillary Clinton & Khalida Brohi – thanks to © 2019 Khalida Brohi (Pakistan & USA)

 

„Ich hatte Probleme in der Gemeinde, wo Väter der Mädchen, die ich rekrutierte, mich verdächtigten, ihre Töchter zu verwestlichen und sie der Religion zu entziehen. Das größte Problem kam bald darauf, als unsere Büros wegen dieses Verdachts angegriffen wurden. Im Laufe der Zeit gab es Todesdrohungen, Bombenanschläge und Schikanen gegen mein Team und mich.“

 

Çiğdem Gül: Ich komme auch aus einem islamischen Land. Meine erste Sozialisation durchlebte ich in Anatolien. In unser beider Herkunftsländer ist das Patriarchat vertreten. Fälle von Ehrenmorde gibt es auch in Anatolien, aber nicht in der Häufigkeit wie in Pakistan. Laut „World Report 2015: Pakistan“ gibt es schätzungsweise 1.000 Ehren- Morde pro Jahr. Pakistan hat eine der höchsten „Ehren“-Mordraten weltweit. In einem Land wie Pakistan als sehr junge Frau sich für Frauenrechte einzusetzen, stelle ich mir um ein Vielfaches gefährlicher vor. Welchen Risiken, Widerständen, Hindernissen und, wenn ja, gefährlichen Momenten mussten Sie sich stellen?

Khalida Brohi: Es gibt definitiv viele Risiken, die mit einer Gesellschaft verbunden sind, die tief von Männern kontrolliert wird. Soziale, wirtschaftliche und kulturelle Hürden hindern Frauen bei jedem Schritt, den sie unternehmen. Besonders für mich war die erste Hürde, ein sehr junges Mädchen aus einem (indigenen) Stamm zu sein, in dem Frauen extremen Einschränkungen ihrer Freiheit ausgesetzt sind, mit der Arbeit beginnen zu dürfen, die ich tue. Als 16-jähriges Mädchen war der Beginn meines Berufseinstiegs ein Schock für meine Familie und meine (indigene) Gemeinschaft, aber es hat viel Ausdauer gedauert, diesen Widerstand durchzuhalten. Die zweite Herausforderung kam, als ich in den frühen Jahren meiner Arbeit mit meiner Advocacy-Kampagne begann und ich überall auf Männer treffen musste. Alle politischen und medialen Gruppen wurden von Männern geführt und bei vielen Events war ich das einzige Mädchen im Raum. Dies war für meine Eltern äußerst problematisch und ich musste ständig kämpfen, um nicht belästigt zu werden. Ich hatte Probleme in der Gemeinde, in der die Väter der Mädchen, die ich rekrutierte, mich verdächtigten, ihre Töchter zu verwestlichen und sie der Religion zu entziehen. Das größte Problem trat kurz darauf auf, als unsere Büros wegen dieses Verdachts angegriffen wurden. Im Laufe der Zeit gab es Morddrohungen, Bombenanschläge und Belästigungen gegen mein Team und mich, aber all dies konnten überwunden werden, weil ich immer wieder als junge Frau glaubte, dass ich jedes Recht habe, dies zu tun, als jeder Mann.

 

Çiğdem Gül: Sie haben die Sughar Foundation gegründet, eine gemeinnützige Organisation, die Frauen in Pakistan dabei hilft, Fähigkeiten zu erlernen, die mit dem „wirtschaftlichen und persönlichen Wachstum“ zusammenhängen. Bitte erzählen Sie mir, welche weitere Projekte Sie leiten und welche Aufgaben Sie darin erledigen.

Khalida Brohi: Sughar – das bedeutet, dass qualifizierte und selbstbewusste Frauen an die Freisetzung von Potenzialen bei Frauen glauben, indem sie ihnen die Möglichkeit geben, sich zu erheben und in ihren Häusern und Gemeinden eine Führungsposition einzunehmen.

Sughar Foundation richtet Sughar-HUBs in ausgewählten ländlichen Gemeinden ein, in denen jedes Zentrum den Stammes- und Landfrauen einen 6-monatigen Kurs zum Thema Wertschöpfung in Bezug auf die traditionelle Stickerei und Unternehmensentwicklung anbietet. Außerdem werden dort Kurse für Bildung und Alphabetisierung angeboten und das Bewusstsein von  ländlichen Frauen geschärft, die ihre Fähigkeiten bei Entscheidungsfindung und wirtschaftlichen Beitrag in ihrem Haushalt und Leben weiter aufbauten.

Sughar engagiert Männer auch in Sensibilisierungs- und Aufklärungsaktivitäten, um ihnen zu helfen, die Rechte der Frauen unter dem Islam zu verstehen. Im Jahr 2015 habe ich meine gemeinnützige Organisation in den USA registriert, um die Sughar Foundation zu gründen, die jetzt mit Partnern vor Ort in Pakistan zusammenarbeitet, um das Sughar-Modell in ganz Pakistan zu replizieren. Bis jetzt haben wir mehr als 1000 Frauen in Sindh und Belutschistan erreicht.

 

Çiğdem Gül: Herzlichen Glückwunsch! Das ist eine sehr große Leistung.

 
 
khalida brohi

Bild/ Picture thanks to © 2019 Khalida Brohi (Pakistan & USA)

 
 
Çiğdem Gül: Wie wird in Pakistan der Erfolg für Frauen im beruflichen Kontext definiert?

Khalida Brohi: Erfolg bedeutet für jeden etwas anderes. Erfolg ist für die Frauen, die ich kenne, ihre Fähigkeit, ihre Gedanken ohne Zögern auszusprechen, sich für Gerechtigkeit einzusetzen, und gehört zu werden. Erfolg für mich ist es, eine Gesellschaft zu sehen, in der Frauen geehrt und gleichberechtigt behandelt werden und nicht für Ehre getötet werden.

 

Çiğdem Gül: Was bedeutet „Ethik“ in Ihrer Kultur und für Sie persönlich?

Khalida Brohi: Ich bin fest davon überzeugt, dass Ethik und Ehrenkodex Hand in Hand gehen. Der Grund, warum ich Ehrenmorde an Frauen bekämpfe, indem ich die Ehre bewahre, ist, dass wir ohne Ethik, ohne unsere Ehre nichts sein werden. In einer Gesellschaft wie der unseren, in der die Mehrheit der Nation jeden Tag gegen Armut kämpft, haben sie nichts als ihre Ehre. Sie schätzen diese Ehre, und diese Ehre macht sie dafür verantwortlich, sich in der Zeit der Verzweiflung nicht Verbrechen oder Gewalt zuzuwenden. Seit Jahrhunderten ist die Ehre in unseren Gemeinden ein großes Thema, sie wurde jedoch nur Männern zugeschrieben. Obwohl Ehre in unseren Gemeinden seit Jahrhunderten ein großes Thema ist, wurde sie leider nur Männern zugeschrieben. Dem stimme ich nicht zu und deswegen habe ich mein Buch „Ich sollte Ehre haben“ genannt, weil Ehre nicht das Erbe eines Mannes ist, sondern jede Frau Ehre haben sollte, weil wir als Frauen die besseren Bewahrerinnen der Ehre sind.

 

Çiğdem Gül: Glauben Sie, dass für Frauen in Europa und USA die digitalisierte Arbeitswelt, der technische Fortschrift und Arbeitskultur vereinbar sind mit Streben nach Ethik und Humanismus?

Khalida Brohi: Leider kann ich Ihnen diese Frage nicht beantworten.

 

„Benazir Bhutto war ein wahrer Wendepunkt für mein Land.“

 

Çiğdem Gül: Benazir Bhutto war in den 90ern pakistanische Premierministerin und damit die erste Frau in Pakistan im höchsten politischen Amt. Wie haben sich die Aufstiegschancen von Frauen in Pakistan in der Gesellschaft, Politik und Wirtschaft entwickelt? Wurden die beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten für Frauen in Pakistan nach Benazir Bhutto einfacher oder schwieriger? Und warum?

Khalida Brohi: Benazir Bhutto war ein wahrer Wendepunkt für mein Land. Als sie ihr Amt antrat, gab es eine große Veränderung in den Denkweisen, und wann immer sie mit den Menschenmengen sprach, gab es tausende und abertausende von Männern, die nach Hause gingen, ihre Poster kauften, sie einrahmten und sie an ihre Wände hangen. Sie war nicht nur eine Hoffnung für die Nation, sondern auch ein großes neues Licht in der Denkstruktur der Menschen, eine Möglichkeit, dass ihre Töchter eines Tages auch ihr ähnlich sein könnten.
Das Beste an Benazir Bhutto war, dass sie aus einem des äußerst konservativen Bezirks Pakistans stammte. Jedes Mal, wenn sie über ihr Dorf und ihr Leben sprach, dachten die Menschen in ähnlichen Gemeinschaften, sie könnte jeder sein, sie könnten ihre Töchter und ihre Frauen sein. Von Beginn ihrer Karriere bis heute war und ist Benazir Bhutto das Vorbild für Tausende von Frauen in meinem Land.

 

Çiğdem Gül fragt: „Wie ist die Situation von hochbegabten Frauen in Pakistan? Sind dort Fördermöglichkeiten für sie vorzustellen?“

 

Çiğdem Gül: Wie ist die Situation von hochbegabten Frauen in Pakistan? Sind dort Fördermöglichkeiten für sie vorzustellen?“

Khalida Brohi: Pakistan hat unendlich viele Frauen und Mädchen mit unglaublichem Talent und Können. Überall in meinem Land werden Sie Frauen treffen, die Sie mit ihrem Glauben und allem, was sie erreichen können, schockieren. Das Traurigste ist jedoch, dass die Mehrheit dieser Frauen nicht die Möglichkeit hat, jemals das zu tun, woran sie glauben. Die schulische und berufliche Chancenlücke für Mädchen und Frauen ist in Pakistan riesig, weil sie sich zumeist mit der patriarchalisch geprägten Gesellschaft nicht anlegen wollen. Sie haben weder Zugang zu WLAN noch zu Technologie, oder manchmal nicht mal Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln. Dies ist der Hauptgrund bei Sughar Foundation, warum wir uns darauf konzentrieren, diesen Frauen diese Möglichkeiten zu eröffnen und ihr Potenzial auszuschöpfen.

 

Çiğdem Gül: Liebe Frau Brohi, vielen Dank für das Gespräch. Ich bin sehr beeindruckt von Ihren  Antworten. Begeistert bin ich von auch Ihrer Empathie, Tiefe und Reife in so jungen Jahren.

Merci, dass unsere Welten sich begegnen durften. Und, dass ich Sie und Ihr unermüdliches Engagement in Pakistan und in den USA trotz Hindernisse und Herausforderungen in meinem Interview näher erfahren durfte.

Ich bedanke mich im beruflichen Kontext im Namen aller Frauen in Europa und Amerika sowie im Namen des Europas größtem Messe-Kongresses für Frauen und Karriere „woman&work“ 2019, dass Sie uns zum Schwerpunktthema „Humanismus 4.0“ und für meinem Vortrag die Zukunftsbilder und Erfolgsstrategien aus Pakistan mitgegeben haben.

 
 
khalida

Bild/ Picture thanks to © 2019 Khalida Brohi (Pakistan & USA)

 
 

Weitere Informationen über Khalida Brohi sind zu finden unter:

https://www.khalidabrohi.com/khalida-brohi

 
 
cigdem guel

© Çiğdem Gül

Gründerin & Moderatorin
des Interkulturellen Netzwerkes für Hochbegabte

Diplom-Ökonomin

Change Management Consultant

Business Coach

Interkultureller Coach für Hochbegabte & Hochsensible

Online Marketing Managerin

Freie Journalistin & Autorin

http://cigdemguel.de/

 
 
 

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